Über die Zukunft einer verlassenen Stadt

NIEMANDSLAND

Fotos: Gallion Film

Üblicherweise ist die Stadt nur Filmkulisse. Mannheim und Mannheimer machen ein Stück Stadt zur Hauptperson. Hinter einem Zaun mitten in Mannheim schlummert das Niemandsland, bekannt als „FRANKLIN“. Hier lebten jahrzentelang US-Soldaten und ihre Familien, gingen fort und hinterließen eine „merkwürdig anmutende Schönheit“. Das sagen die Mannheimer Filmemacher Philipp Kohl und Donni Schoenemond. 82 Minuten dauert ihr Dokumentarfilm in Spielfilmlänge, Titel NIEMANDSLAND. Beide führten Regie und machten gemeinsam die Musik zum Film; Donni führte die Kamera. Im Juni ist Uraufführung, natürlich in Mannheim. In CARPET ROUGE sprechen die beiden über ihr Projekt.

Wieso trägt der Dokumentarfilm NIEMANDSLAND diesen Titel?

Philipp Kohl: NIEMANDSLAND ist ein Gebiet, das niemandem gehört. Die Amerikaner übergaben das Gebiet nicht an die Stadt Mannheim, sondern an den Bund. Die Stadt musste es erst vom Bund zurückkaufen, um es ihr eigen nennen zu können.

 

Was war die besondere Herausforderung an diesem Projekt?

Philipp Kohl: Eine besondere Herausforderung war sicherlich, die oft schwer verständlichen Abläufe von Bürokratie und Verwaltung möglichst einfach darzustellen. Politik und Verwaltung sind für viele Menschen Themengebiete, bei denen sofort abgeschaltet wird, weil man die Sprache und die Hintergründe oft als unverständlich empfindet. Unser Anspruch war, eben diesen Kreislauf mit Musik, Humor und einer Reduktion aufs Wesentliche zu unterbrechen – keine einfache Aufgabe, für die man gute Protagonisten braucht.

 

Wie habt ihr Eure Protagonisten kennen gelernt?

Donni Schoenemond: Ganz unterschiedlich:Teilweise sind die Protagonisten ganz offensichtlich in den FRANKLIN-Prozess involviert, manche Protagonisten haben wir aber auch auf der Fläche selbst erst kennengelernt. Wenn man sich in so einer Geisterstadt begegnet, dann sagt man sich schon mal „Hallo“ und fragt, was der andere dort so treibt. Unsere Protagonisten haben verschiedene Professionen und benutzen – wenngleich sie alle deutsch sprechen – ganz unterschiedliche (Fach-)Sprachen. Auch das macht den Film aus unserer Sicht sehenswert.

 

In wessen Auftrag habt ihr Niemandsland produziert?

Philipp Kohl: Wir haben NIEMANDSLAND im Auftrag der Geschäftsstelle Konversion der Stadt Mannheim produziert. Die Arbeit war als Auftrag ausgeschrieben und wir haben den Zuschlag bekommen.

 

Mit welchen Gedanken und Plänen seid ihr an die Produktion herangegangen?

Donni Schoenemond: Uns war früh klar, dass das Benjamin-Franklin-Village selbst auch zum Protagonisten werden soll. Als Manege oder Kulisse, in der all die verschiedenen Menschen mit ihren unterschiedlichen Plänen und Visionen auftreten. Als eben kein leeres Blatt Papier. Als ein Ort mit langer Vorgeschichte, die spürbar werden muss. Darum haben wir parallel zu den Dreharbeiten unseren Soundtrack gemeinsam mit vielen befreundeten Künstlern selbst produziert. Die Nähe zwischen Bild und Musik war uns wichtig, um diese anfangs leere Stadt mit Bildern und Erinnerung aufzuladen.

 

Wie ist euer Verhältnis zu Mannheim und was ist euer Bezug zu FRANKLIN?

Donni Schoenemond: Mannheim ist für uns Heimat. Bei Philipp ist das schon immer so, ich bin seit zwölf Jahren in der Stadt und fühle mich mittlerweile hier sehr zuhause. Wir glauben, dass hier sehr viel Potential vorhanden ist und sehen in der Stadtgröße mehr Vorzüge als Nachteile. Zudem haben wir die Erfahrung gemacht, dass Mannheim Dir viel zurückgibt, wenn Du Dich einbringst. Das Benjamin-Franklin-Village war vor der Filmproduktion für uns, wie für die meisten Mannheimer auch, ein Ort, an den man nicht wirklich hingekommen ist.

 

Seid Ihr bei den Dreharbeiten auf etwas Kurioses gestoßen?

Donni Schoenemond: Die Amerikaner haben ihren Gedenkstein für die Opfer des 11. September nicht mitgenommen. Das hat uns schon etwas überrascht. Aber auch das gehört zu den Absurditäten, mit denen man an einem abgezogenen und verlassenen Ort konfrontiert wird. Genau wie die ganzen ausstehenden Geldforderungen, die sich in den hinterlassenen Briefkästen finden ließen. Von ausstehenden Unterhaltszahlungen bis Strafen wegen illegalen Downloads war da so ziemlich alles zu finden.

 

Warum sollte man sich NIEMANDSLAND anschauen?

Philipp Kohl: Mannheimer sollten sich den Film unbedingt anschauen um zu sehen, was für ein riesiger Teil hier zur Stadt dazukommt und mit welchen Ideen und Ansätzen dessen Entwicklung verfolgt wird. Dabei kann man auch eine ganze Menge darüber lernen, wie Stadtplanung heutzutage funktioniert und wen man dazu alles braucht. Noch ist die ganze Entwicklung ja an einem Punkt, bei dem Leute, die jetzt erst einsteigen, später einmal sagen können: „Ich war von Anfang an dabei“.