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DER KINO-ARCHITEKT VON NEUSTADT SPRICHT ÜBER DIE PHILOSOPHIE SEINER ARCHITEKTUR

Fotos: Jessen Oestergaard

Jürgen Presser ist Architekt in Schwetzingen und mit der Kino-Familie Spickert seit vielen Jahren freundschaftlich und als Hausarchitekt eng verbunden. Er ist der architektonische Vater des neuen Lichtspieltempels von Neustadt, für das die Filmtheaterbetriebe Spickert Ende März in der Pfalz-Metropole den Grundstein gelegt haben. Über seine architektonische Liebe zum Thema Kino und über das gestalterische Konzept des neuen Kinos sprach Jürgen Presser mit CARPET ROUGE:

Schön, dezent und spannend – die Architektur von Jürgen Presser ist immer Reduktion im Wesentlichen und Poesie im Sachlichen. Presser erzeugt poetische Reduktion in der Architektur, sowohl für Wohnhäuser als auch für Lichtspieltempel.

Was sind Ihre Erinnerungen an das damalige Kino?

Jürgen Presser: Die Kinos damals, das waren große Säle mit schlechter Luft und dunklen, unwirtlichen Fluren. Nach dem Film war man froh, das Gebäude auf dem schnellsten Weg, oft aus den Notausgängen, direkt ins Freie verlassen zu können. Zum Kinobesuch gehörte die Pizza oder der Hamburger, die man zuvor bei den damals schon trendigen Fastfoodketten verspeiste. Und im Kino gehörte das Langnese-Eis aus Pappschachteln quasi zum Filmvergnügen.

 

Und Ihre erste berufliche Berührung mit dem Thema Kino?

Jürgen Presser: Das war als Architekturstudent an der TU Karlsruhe in den 80'er Jahren. Ich hatte mir als Projekt das Thema Kinoumbau gewählt und wollte am Beispiel des Luxor in Schwetzingen schon damals Kino neu denken. Zum Beispiel plante ich über eine kleine Straßenbrücke die Verbindung des Kinofoyers mit der gegenüberliegenden Gaststätte.

 

Wie kam das an?

Jürgen Presser: Die Bewertung meines Professors war sehr gut und der Kinobetreiber fand das sehr spannend. Ich hatte das Gefühl, schon als Student zu wichtigen, gestalterischen Lösungen beitragen zu können. Konkret scheiterte die Brücke am Baurecht, aber immerhin wurde etwas später dieses Kino mit einem Café/Bistro ausgestattet, was mir in Sachen Kombination von Kinobesuch und Gastronomie Recht gegeben hatte.

 

Zu Ihren Arbeiten gehören Schulen, öffentliche Gebäude und Privathäuser. Wann ging es als Kino-Architekt los?

Jürgen Presser: Im Jahre 2004 hatte ich das Vergnügen, Christian Spickert kennen zu lernen. Vergnügen deshalb, weil wir uns menschlich sofort sehr gut verstanden. Trotz aller Sympathie hatten Spickerts aber auch gewisse Bedenken, denn Kinoerfahrung hatte ich nicht wirklich. Aber ich bekam eine Chance. Die erste Aufgabe war, das neue Design für das Cineplex Planken in Mannheim zu entwickeln.

 

Wenn Sie Ihre Art der Architektur und des Designs in wenigen Worten erklären müssten, was würden Sie sagen?

Jürgen Presser: Ich bin immer auf der Suche nach der einen, für mich einzig richtigen Lösung. Dabei sind mir die Begriffe Reduktion auf wesentliche Gestaltungsmerkmale und Materialien genauso wichtig, wie das Zulassen von Emotionen. Ein Journalist hat meinen Stil einmal mit den Worten "Jürgen Pressers Architektur ist eine Art von poetischer Reduktion" beschrieben, das trifft es vielleicht ganz gut.

 

Was ist an Neustadt besonders?

Jürgen Presser: Das Projekt hat viele Besonderheiten. 2013 habe ich mit einem sehr guten Freund eine dreimonatige Weltreise u.a. auch dazu genutzt, mir Kinos in aller Welt anzusehen. In den folgenden Jahren habe ich dann mit Christian Spickert etliche Kinoneubauprojekte in Deutschland und Europa bereist und besichtigt. Ich erzähle das, weil es mir wichtig ist. Wer etwas verändern will, sollte zunächst einmal Historie und Status Quo kennen und zu verstehen versuchen. Jeder Standort hat seine Besonderheiten.

 

Das heißt für Neustadt?

Jürgen Presser: In Neustadt denken wir Kino neu. Der größte Unterschied zu herkömmlichen Multiplex-Kinos ist dabei, dass wir versucht haben, einen ökonomischen Grundriss auf Basis der heutigen Digitaltechnik in Verbindung mit hoher Aufenthaltsqualität in Foyer- und Flurbereichen zu entwickeln. Das eine nicht ohne das andere! Dazu schaffen wir auf beachtlichen 700 Quadratmetern einen autarken Gastronomiebereich, der sowohl neben, als auch zusammen mit dem Kinobetrieb funktionieren soll. Und… unser Gebäude wird in Form und Design auf Besonderheiten dieser wunderbaren Umgebung an der Weinstraße reagieren.

 

Die Fragen stellte Herbert W. Rabl