Christoph Waltz gibt Antwort

WIRKLICH DER SCHURKE VOM DIENST?

Christoph Waltz (58) ist der Shooting-Star aus Europa. Seit seinem grausam unter die Haut gehenden Auftritt als SS-Standartenführer Hans Landa in Quentin Tarantinos Film „Inglourious Basterds“ im Jahre 2009 avancierte Waltz in Hollywood mit schurkisch-zynischen Rollen. Für die beste Nebenrolle in den „Basterds“ regnete es höchste Auszeichnungen bis zum Oscar. Jetzt Weltstar scheint Christoph Waltz auf Fieslinge abonniert. Er lebt in Los Angeles und Berlin. Sogar im neuen „Bond“, der Anfang November anläuft, scheint ihm die Rolle des bösartigen Protagonisten zugedacht. Das munkelt zumindest die Branche. Seit 2010 topt ein Hit den nächsten und immer ist Waltz ein „Ungustl“, wie man in Wien sagen würde – in „The Green Hornet“, in „Wasser für die Elefanten“, in „Der Gott des Gemetzels“ unter der Regie von Roman Polanski und in „Django unchained“, wieder mit Quentin Tarantino. Diese scheinbare Festlegung und die Faszination eines Aufstiegs zum Weltstar binnen sechs Jahren inspirierte CARPET ROUGE zu einem besonderen journalistischen Projekt. Gemeinsam mit den Filmreportern des Ricore Pressebüros in München verfasst CARPET ROUGE ein sehr persönliches Interview mit Christoph Waltz. Die Fragen und Antworten stammen aus mehreren Interviews und zeichnen einen nachdenklichen Star.

Fotos: Sony Pictures, Studiocanal

Gefällt es Ihnen, den Bösen zu spielen?

Christoph Waltz: Ich betrachte niemanden als gut oder böse. Im wahren Leben tue ich das schon, aber nicht, wenn ich einen Charakter spiele. Man tut sich keinen Gefallen, wenn man ein Urteil über die Figur fällt

Würden Sie für Quentin, dem Sie viel zu verdanken haben, jede Rolle annehmen?

Waltz: Könnte man so sagen, ja!

Sehen Sie es als Herausforderung, zum Beispiel in „Wasser für die Elefanten“ eine bedingt sympathische Figur zu spielen?

Waltz: Nein, Sympathie und Antipathie sind erstens eine ganz persönliche Sache, zweitens hat verwerfliches Verhalten nichts mit sympathischem Auftreten zu tun, und drittens hat das, was Sie anspielen, innerhalb der Geschichte eine wichtige Funktion.

Wir wollen ja nur das Wort Schurke nicht verwenden...

Waltz: Das haben Sie gut gemacht (lacht)! Schauen Sie: Rotkäppchen geht in den Wald, um der Oma Wein und Kuchen zu bringen. Die Oma kann nur noch Danke sagen, und das ist keine wirklich wahnsinnige Geschichte. Interessant wird es erst, wenn der Wolf auftaucht, der, wenn Sie sich erinnern, sehr höflich, zuvorkommend und damit sympathisch ist.

„Der Gott des Gemetzels“ setzt auf Kammerspielatmosphäre, das muss Ihnen mit Ihrem Theaterhintergrund besonders gefallen haben…

Waltz: Meine Theatererfahrungen waren hilfreich. Aber diese Einheit von Raum, Zeit und Handlung ist keine Neuheit und wurde auch nicht von Yasmina Reza für ihr Theaterstück entdeckt, sondern entstammt der griechischen Tragödie. Wir haben zwei Wochen wie auf der Bühne geprobt, sind das ganze Stück durchgegangen, manchmal zweimal am Tag und konnten uns dabei in Ruhe kennenlernen und experimentieren. Dieser zeitliche Luxus gehört zu den absoluten Ausnahmen beim Film.

Was gefällt Ihnen an Komödien?

Waltz: Die Hintergründigkeit. Sie sind nur wirklich humorvoll, wenn sie etwas verbergen, etwas offen lassen. Hinter jeder Komödie steckt eine Tragödie.

Was sind die Schattenseiten des Ruhms?

Waltz: Wir übertreiben dieses ganze Getue um Personen und vergessen, über den Inhalt zu reden, über die Geschichten auf der Leinwand, die das Publikum bewegen. Dieses ständige Gequassel über Celebrity-Aspekte und das Getummel auf dem Roten Teppich gefällt mir überhaupt nicht. Diese seichte Seite des Berufs brauche ich wirklich nicht. Leider entpuppt sich dieses überflüssige Theater langsam als eine Art soziale Währung, mit der wir unsere Rechnungen zahlen. Wenn mich jemand nach persönlichen Dingen fragt oder gar danach, was ich in einer Beziehung mag, könnte ich aus der Haut fahren. Wir ändern uns doch jeden Tag und damit ändern wir auch unsere Meinung, wir sind ja keine Maschinen. Ich hoffe auf die Pendelbewegung, vielleicht reden Filmemacher irgendwann wieder über Filme und nicht über ihr Liebesleben.

Wie erstaunt sind Sie über Ihren derzeitigen Erfolg, wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken?

Waltz: Das verändert sich im Laufe der Jahre. Wenn man anfängt – und ich habe mit 19 angefangen – hat man natürlich die höchsten Erwartungen. Man denkt nicht an Oscars, doch man hat sehr hohe Ansprüche und hofft, dass die Karriere erfolgreich verläuft. Dann kommen die ersten Enttäuschungen und man hat eine lange, harte Strecke vor sich. Am Ende arbeitet man dann gar nicht oder zumindest eine Zeitlang nicht. Als dann schließlich irgendwie alles in Gang kam, von dem ich nicht zu träumen gewagt hatte, als ich 20 war, habe ich es auf eine andere, beruhigtere Weise zu schätzen gewusst, da ich die andere Seite der Medaille kannte.

Vor zwei Jahren fing Ihre Glückssträhne mit „Inglourious Basterds“ an. Ihr Leben muss sich seitdem doch radikal verändert haben ...

Waltz: Ja, einen Teil kann man verfolgen, und über den anderen Teil rede ich nicht. Was hat sich getan? Plötzlich habe ich eine Anzahl von Möglichkeiten, die mir vorher verschlossen waren. Es ist ein Irrtum, dass sich Laufbahnen leiten oder lenken lassen. Die Dinge entwickeln sich mehr, als dass man Einfluss auf sie nehmen könnte.

Sie schwimmen auf einer Erfolgswelle. Werden Ihnen die Höhenflüge und wunderbaren Momente nicht unheimlich?

Waltz: Jeder Moment ist gut. Wir leben in einer Ära der Superlative, fast wie bei den Olympischen Spielen, schneller, höher, weiter. Ich halte es für eine Erfindung der Medien, immer nur die Höhenflüge abzuhaken. Das ist Bullshit, verzeihen Sie meine Ausdrucksweise. Wir sollten uns mal fragen, was bleibt eigentlich von diesen ganzen wundervollen Momenten, die unser Leben ausmachen? Es ist doch einfach lächerlich, nur zu glauben, die außergewöhnlichen Situationen würden zählen und dabei die Normalität, das richtige Leben einfach zu vergessen. Alles was passiert, ist großartig, es muss ja nicht immer den Ruhm mehren oder bequem sein. Trotz Stress und Anstrengung – wenn ich zusammenzähle, was mir in den letzten zwei Jahren widerfahren ist, hat sich mein Leben total verändert. Ich bin nicht immer total glücklich darüber, aber wer sagt, dass ich das sein muss? Lassen Sie uns doch mal die Höhenflüge oder Spitzenmomente vergessen und auf die interessanten Details konzentrieren.

Und die wären?

Waltz: Die Zusammenarbeit mit Roman Polanski. Es herrschte eine tolle Stimmung am Set. Er ist immer sehr höflich, sehr konzentriert, sehr humorvoll und sehr gelassen. Und er arbeitet auf den Punkt genau. Nur einmal fochten wir einen kleinen Dissens aus und da meinte er nur, „sag’ mir bitte nicht, wie ich meinen Job machen muss, den mache ich seit 60 Jahren“. Stellen Sie sich mal vor – 60 Jahre auf so hohem Niveau! Ein Regisseur mit seiner Erfahrung kann nicht unrecht haben. Man muss nicht alles gut finden, was er macht oder auch nicht seiner Meinung sein, aber Kategorien wie falsch oder richtig greifen bei ihm nicht. Er ist ein Meister seines Fachs. Ich würde sofort wieder mit ihm arbeiten.

Können Sie noch unerkannt auf die Straße gehen?

Waltz: In Los Angeles gibt es einen ganzen Berufstand von Paparazzi, gegen die man keine Handhabe hat. Hierzulande kann man sagen, „ich will nicht, dann passiert es auch nicht“. In Wien ist es schon schwieriger als in Berlin, wo Stars auch gern mal ignoriert werden. Was ich angenehm finde.

Interview-Zusammenstellung von Herbert W. Rabl