Mario Adorf beim 5. europäischen Filmfestival der Generationen im CinemaxX - Lebensträume und Lebensspuren als Thema

EIN GRANDSEIGNEUR ANTWORTET

DAS FESTIVAL


Vom 7. bis 10. Oktober hat das 5. Europäische Filmfestival der Generationen in 35 Städten und Gemeinden der Rhein-Neckar-Region und Europas stattgefunden. Das CinemaxX in Mannheim weiß sich glücklich, Gastgeber des Eröffnungsfilms mit Mario Adorf und des ersten wissenschaftlichen Symposiums zum Thema „Zukunft Altern“ gewesen zu sein.


Mit der Idee des „Festival der Generationen“ ist dem federführenden Psychologischen Institut der Universität Heidelberg ein bemerkenswerter Kunstgriff in der modernen Mediengesellschaft gelungen. Das Festival verquickt kongenial die notwendige gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der demografischen Entwicklung mit cineastischer Unterhaltung, wissenschaftlicher Reflexion und einem attraktiven Ausgeh-Event für Jung und Alt. So rückt das Festival ein brennendes Thema in vielfältigen Facetten fast spielerisch in den Fokus der gesellschaftlichen Diskussion. Die Lichtspielhäuser bilden den idealen Rahmen für dieses Konzept und die Kinos in Mannheim sind stolz darauf, dieser richtungweisenden Idee das große Auftakt-Forum gegeben zu haben, das diesem Festival gebührt.


Mario Adorf, der Grandseigneur des Deutschen Kinos, unterstützt das „Europäische Filmfestival der Generationen“ als Idee und als Konzept. Sein Film „Der letzte Mentsch“ war der diesjährige Eröffnungsfilm und ihm war es ein Anliegen, bei der Eröffnung dabei zu sein. Seit über 60 Jahren ist der heute 84-jährige auf der Bühne und vor der Kamera präsent. So ist er ein leuchtendes Beispiel für den Satz: „Man ist so alt, wie man sich fühlt“.


Mehr als bei anderen Schauspielern hat Mario Adorf mit zunehmendem Alter die Charaktere gewechselt, mutierte zum Piratenkapitän, zur schillernden Politiker-Persönlichkeit, zum Familien-Patriarchen oder zum väterlichen Freund. In „Der letzte Mentsch“ spielt er einen KZ-Überlebenden, der sich am Ende seines Lebens seine Identität zurückholen will und dabei vor bürokratischen und menschlichen Hürden steht.

DAS INTERVIEW


Sie sind in Zürich geboren, haben einen italienischen Vater, sind in der Eifel aufgewachsen, leben heute in Paris, machen in St.Tropez Urlaub und bezeichnen sich als Kosmopolit. Sind Sie in den heutigen Zeiten auch ein überzeugter Europäer?

Mario Adorf: Ich habe mich schon für einen Europäer gehalten, als Europa nur ein geographischer Begriff war. Heute ist Europa ein politisch-wirtschaftliches Gebilde, das vor allem aber den Frieden zwischen den beteiligten Nationen garantiert und allein schon deshalb nicht in Frage gestellt werden darf.

Was ist an Europa so bemerkenswert und wird zu gerne und zu schnell vergessen?

Mario Adorf: Wenn heute die europäische Idee schon wieder angezweifelt oder sogar bekämpft wird, vergisst man, dass vor gar nicht langer Zeit Europäer Kriege gegeneinander führten.

Das „Europäische Filmfestival der Generationen“ ist ein Projekt, mit dem durch Filme Unterhaltung und Diskussion über Ländergrenzen hinweg gleichermaßen geleistet werden soll. Warum unterstützen Sie ein solches Projekt so ausdrücklich?

Mario Adorf: Europa muss mehr sein, als eine wirtschaftliche oder politische Interessengemeinschaft. Es braucht einen kulturellen Überbau. Um diesen zu bilden und zu fördern sind der Film und das Fernsehen ein ganz wichtiger Teil auf dem Weg zu einem Gemeinschaftsgefühl, einer kulturellen Zusammengehörigkeit Europas.

Zur Festivaleröffnung sind Sie Gast in Mannheim. Kennen Sie Mannheim und die Rhein-Neckar-Region und was assoziieren Sie mit den Städten und der Region?

Mario Adorf: Ich bin Rheinländer, stamme aus der Eifel, ziehe aber in meinem Heimatgefühl keine Landesgrenzen, weder nach Norden zum vertrauten kölnisch-rheinischen, noch nach Süden zum ebenfalls genau so heimatlich empfundenen rheinisch-pfälzischen Gebiet, von dem es ja nur ein Schritt ins Badische ist. Für mich ist bei aller Verschiedenheit in den Dialekten eine Verwandtschaft spürbar, ich selbst mache da keinen Unterschied. Adenauer und Millowitsch gehören zu mir genau so wie Albert Bassermann und Sepp Herberger. Außerdem kenne ich Mannheim von vielen Gastspielen her.

In dem Film „Der letzte Mentsch“ geht es um Identitätssuche. Ist das auch ein Thema für Sie und beschäftigt Sie dieses Thema heute mehr als noch vor Jahren?

Mario Adorf: Mich hat die Figur des Menachem Teitelbaum in „Der letzte Mentsch“ sehr berührt. Mir selber ist ein solches Schicksal erspart geblieben. Daher kannte ich kein Identitätsproblem. Ich hatte das Glück, immer „bei mir“ zu sein.

Es gibt den Spruch „Älter werden ist nichts für Feiglinge“. Würden Sie diesen Satz unterschreiben?

Mario Adorf: Dieser Satz stammt ja von meinem kürzlich verstorbenen Freund Joachim Fuchsberger. Sein Leben als alternder Mann war sehr geprägt von schwerer Krankheit und dem tragischen Tod seines Sohnes. Er brauchte gewiss eine große Portion Mut, um dies alles zu ertragen und zu überwinden. Das habe ich bei ihm bewundert und respektiert. Für mich selbst könnte ich diesen Satz nicht unterschreiben. Es wäre überheblich, wenn ich für mein Altern Mut beanspruchen würde. Ich sehe mein Älterwerden weder als eine große Heimsuchung, noch als einen Grund für die beliebte Seniorenheiterkeit. Für mich ist das Älterwerden ein sicher nicht schmerzloser Prozess, aber es ist die notwendige Annäherung an das Ende, die ich mit Neugierde beobachte und mit Gelassenheit zu akzeptieren versuche.

Und was sagen Sie zu dem Postulat von Churchill: „Wer mit 30 kein Sozialist ist hat kein Herz und wer mit 60 noch Sozialist ist hat keinen Verstand“?

Mario Adorf: Wenn ich mich richtig erinnere, sprach Churchill nicht von Sozialisten, sondern von Liberalen unter 30 und von Konservativen über 30. Vielleicht würde sein Zitat: „Lassen Sie Europa entstehen!“ besser passen. Oder sein „No Sports!“ das erstens nicht gesichert von ihm stammt und zweitens nicht stimmt, denn Churchill war ja zumindest in der Jugend ein sehr aktiver Sportler als Fechter, Reiter, Polospieler und soll mit 70 noch an einer Fuchsjagd teilgenommen haben.

Im Alter fit zu bleiben und geistig lebendig, wird als ebenso wünschenswert wie als nicht einfach empfunden. Haben Sie ein Rezept und gibt es Dinge, die Sie jedem empfehlen würden?

Mario Adorf: Ich versuche körperlich fit zu bleiben aber ohne sportlichen Ehrgeiz. Was die geistige Fitness betrifft, so hilft mir allein schon oder noch die berufliche Beschäftigung mit Texten, das Lesen, das Schreiben und das Rezitieren.

Gehört ins Kino gehen auch dazu?

Mario Adorf: Ja, auch wenn ich zugeben muss, dass ich kein großer Kinogänger bin. Ich sehe mir die wichtigen Filme an. Ich liebe es, in Frankreich ins Kino zu gehen, um dort die Filme in der Originalsprache zu sehen. Ich halte nichts von der Synchronisation. Untertitel tun’s ja auch, wenn man die Sprache nicht versteht. Ich sehe zum Beispiel lieber einen japanischen Film in der Originalsprache. Japanische Schauspieler von deutschen Synchronsprechern zu hören, bitte nein! Es ist dies eine Frage der Erziehung und der Gewohnheit. Die Schweizer machen es uns vor. Keine Synchronisation. Es ist mir natürlich klar, dass ich hiermit dem „Kinonormalverbraucher“ zu viel zumute. Und so soll er also lieber synchronisierte Filme sehen als gar keine.

Welchen aktuellen Streifen sollte sich weder Jung noch Alt keinesfalls entgehen lassen?

Mario Adorf: Aktuell würde ich den neuen und leider letzten Film von Philip Seymour Hoffmann „A Most Wanted Man“ sowie die bezaubernde französische Komödie „Monsieur Claude und seine Töchter“ empfehlen.

Die Fragen stellte Herbert W. Rabl.


Fotos: farbfilm verleih