Oscar-Preisträger Christian Vogt im Gespräch vor Ort

EIN HAUCH VON HOLLYWOOD IN MANNHEIM

Nach seinem Abschluss in Architektur an der Technischen Universität Darmstadt ging Christian Vogt 2004 zu Pixomondo. Anfangs produzierte er noch selber, bevor er 2005 Chef der Produktion wurde. Er klärt alle technischen und kreativen Fragen mit den internationalen Kunden. Heute hat Pixomondo einen Oscar in der Vitrine und ist 2facher Emmy-Preisträger.

Fotos: Peggy Rudolph

Sie haben geschafft, wovon alle im Filmbusiness träumen. Für die besten Visual Effects im Film „Hugo Cabret“ haben Sie 2012 einen Oscar gewonnen. Was war Ihre Hauptaufgabe bei diesem Film?

Christian Vogt: Da gab es zum Beispiel diesen Bahnhof oder einen Teil von Paris. Wenn die Schauspieler eine Tür aufmachen, ist das immer echt. Aber bei Allem, was sich dahinter abspielt, wird das Auge ganz oft getäuscht. Im Endeffekt funktioniert unser Gehirn so: Wenn die Szene im Vordergrund echt ist, denken wir auch, dass alles, was in drei Kilometer dahinter liegt, echt sein muss. Das zu schaffen war unsere Hauptaufgabe bei „Hugo Cabret“.


Was ist der Unterschied zwischen Visual und Special Effects?

CV: Das wird gerne durcheinander geworfen. Bei Special Effects machen die Jungs direkt am Set die Explosion. Für Visual Effects sind wir zuständig. Dabei realisieren die Jungs am Computer die Explosion. Das sind zwei getrennte Gewerke am Set.


Denken Sie es gibt Bereiche, bei denen man lieber auf animierte Bilder verzichten und stattdessen doch auf „analog“ setzen sollte?

CV: Naja, da bin ich, obwohl ich in der Branche arbeite, ein bisschen kritisch eingestellt. Ich finde, man sollte immer das Medium oder das Werkzeug einsetzen, dass der Story am dienlichsten ist. Ich vertrete den Standpunkt, man sollte so viel wie möglich real vor der Kamera drehen. Werde ich allerdings auf so ein Beispiel wie „Aliens“ angesprochen oder wie in unserem Fall die Drachen bei „Games of Thrones“ ist ganz klar: das kann man nicht drehen. Auch bei hochkomplexen Sachen würde ich Computeranimation vorziehen. Da sind wir jetzt auf einem technischen Niveau angekommen, mit dem wir solche Sachen locker flockig darstellen können.


Wie viele Mitarbeiter im Bereich der Visual Effects arbeiten heutzutage an einem Film?

CV: Die durchschnittliche Mitarbeiterzahl von 1994 bis 2013 sind im Schnitt 156 Visual Effects Artists. Bei „Iron Man 3“ sind es allerdings über 3.000. Das ist schon ordentlich.

 

Und wie groß ist der Anteil des Visual Effects letztendlich bei einem fertigen Film?

CV: Natürlich wird am Set immer noch der größte Teil des Budgets verbraten, aber die Computerarbeit wird immer wichtiger. „Lone Ranger“ war zum Beispiel so ein Fall: Da gibt es eine Kampfszene auf dem Dach eines fahrenden Zuges. Dazu wurde eine alte Lokomotive aus Russland nach Amerika in die Wüste geflogen und dort eine zwei Kilometer lange Strecke aufgebaut. Der Zug fährt dann quasi im Kreis, während die Beiden kämpfen. Im Nachhinein wurde bemerkt, dass der Zug doch nicht so gut aussieht und wir haben ihn digital ersetzt.


Ist das auch ein Grund, warum heutzutage viele Filme nur noch im Studio entstehen?

CV: Ja, weil man dort Herr über das Wetter ist. Wenn ich einen Außendreh habe mit 250 Mann, in Paris in einer Hintergasse bei schönem Wetter drehen möchte – und wir kommen da an und es schneit, dann wird es sehr teuer. Da gehe ich lieber gleich ins Studio. Dort kann ich Licht machen, es schneien oder regnen lassen, Dämmerlicht einsetzen usw.


Wann fühlt sich ein Film gut an? Was muss ein guter Film haben?

CV: Das Drehbuch und die Kamera müssen gut sein, der Regisseur muss es gut auflösen, die visuellen Effekte müssen zum künstlerischen Stil passen, real oder nicht real ist egal. Es muss ein Gesamtpaket sein. Dann ist es auch ein sehenswertes Ergebnis.


Wie haben Sie es eigentlich von der Kleinstadt Pfungstadt nach Hollywood geschafft?

CV: Unser allererster Kinofilm war der „Rote Baron“, eine deutsche Produktion – und zu dem Zeitpunkt sogar die teuerste deutsche Produktion. Wir haben dies mit dem deutschen Regisseur Nikolai Müllerschön gemacht, der auch in Los Angeles lebt. Roland Emmerich kannte den Regisseur und so entstand der Kontakt zu uns. Irgendwann kam der Anruf: „Hier macht mal den Film! Habt Ihr Lust, an dem mitzuarbeiten?“


Wie wurden Sie als eine aus Europa kommende Firma in Hollywood aufgenommen? Gab es Vorbehalte?

CV: Die gab es am Anfang. 2009 sind wir nach Los Angeles gegangen. Zuerst bist Du so ein Underdog und musst Dich beweisen. Es ist genauso, wie wenn Du Fußballspieler bist und für 20 Millionen Euro von einem supertollen spanischen Verein zu einem supertollen deutschen Verein wechselst. Da wird auch erst einmal im Training geprüft, ob Du das Geld wert bist. Aber Du erarbeitest Dir im Laufe der Zeit einen Ruf. Es wird immer genau geschaut, was Du schon für Projekte gemacht hast.


Viele der Filme, an denen Sie gearbeitet haben, wie „The Amazing Spider-Men“ oder „Hugo Cabret“, kamen in 3D in die Kinos. Ist 3D die Zukunft und wird sich die Technik sogar noch weiter entwickeln?

CV: Absolut – 3D wird es immer geben. Es gibt Leute, die eine Affinität dafür haben. Es wird auch immer noch Stummfilm geben. Ich meine 2012 hat „The Artist“ einen Oscar gewonnen. Das war ein Stummfilm. Wer hätte an sowas gedacht? 3D ist eine Kunstform, die aber mittlerweile ein festes Gewerk am Film ist. Nächstes Jahr kommen die Google Glasses auf den Markt, auf einmal werden Bilder ins Auge projiziert. Oder die Okularbrillen, mit denen Du mit Deinen Kopfbewegungen die 3D Welt wahrnehmen kannst. Wir müssen uns davon verabschieden, dass Film immer in einem Rechteck bleibt. Da wird sich in den nächsten zehn Jahren viel verändern!


Die Fragen stellte Björn Nilges.